Neulich hatte ich wieder eine dieser Diskussionen über die gute alte Zeit, als die DJs mit Schallplatten aufgelegt haben. Dabei fielen Schlagworte wie “ehrliches Mixen”, “Flair”, “Charakter” und “jeder Affe kann heutzutage”.
Um es vorweg zu nehmen: ich habe nach wie vor meine zwei 1210er im Setup und meine 10 Jahre lang aufgebaute Plattensammlung werde ich sicher nicht verscherbeln. Beatmatching habe ich nicht verlernt, und ich habe immer eine gewisse Anzahl an CDs griffbereit, um im unwahrscheinlichen Fall eines Macbook-Absturzes beim Auftritt auf CDs umsteigen zu können. Ich beherrsche also das gute alte Handwerk.
Ja, mit Platte auflegen hat Stil, ohne Frage. Es sieht cool aus und es ist eine Technik, die man ernsthaft trainieren muss. Das allein ist also eine Hürde, welche früher dafür gesorgt hat, dass nur Menschen, die es WIRKLICH wollen, damit anfangen. Das Equiment ist nicht billig (Grüße an meinen Vater an dieser Stelle, der getobt hat als er herausgefunden hat, dass ich vor 11 Jahren das Geld, das eigentlich für mein Studentenwohnheim bestimmt war, stattdessen in Plattenspieler und Mischpult investiert habe). Platten sind auch nicht billig – und wer es noch nicht wusste: Platten sind eine eigene Währung! Ich habe jedenfalls während meines Jahres in London damals die Britischen Pfund im Kopf nicht in Euro umgerechnet, sondern in Schallplatten. 20 Pfund in der Tasche waren für mich = 3 Platten. Es war für mich Routine, “meine” Plattenläden in Soho alle 10 Tage zu besuchen – Mad Records für Trance, Trax Records für Funky House, und ein paar mehr. Nach einer gewissen Zeit war mein persönlicher Geschmack bei den Verkäufern bekannt, sodass sie selbstständig einen Stapel Platten raussuchten, der für mich in Betracht kam. Das einzige Problem war, dass das Geld meistens nicht reichte um sie alle mitzunehmen, man musste also selektieren. Und es war verdammt cool, an einem der Turntables im Laden zu stehen und die Tracks anzuhören, während von draußen neugierige, bewundernde Blicke von den vorbeigehenden Leuten hereinfielen. Und dann die Whitelabels! Tracks, die noch nicht veröffentlicht waren, wurden als Test-Pressung in limitierten Auflagen herausgegeben. Ich kann mich genau erinnern: als ich im Club Peach zum ersten Mal einen gewissen, wunderschönen Track hörte und mich bis über beide Ohren in ihn verliebte, nannte mir der DJ als Titel “Darren Tate – Opera”. Am nächsten Tag klapperte ich alle Läden in Soho ab, auf der Suche nach diesem Track. Nirgends gab es ihn und es machte mich wahnsinnig. Was ich nicht wusste: dieser Titel wurde erst ein halbes Jahr später offiziell veröffentlicht, auf dem Papier gab es ihn also noch gar nicht. In Foren wurde über diesen Titel spekuliert und ich wurde rasend weil ich diese Platte wollte! Spontan kam mir eine Idee: Ich schrieb eine E-Mail an Darren Tate persönlich, und sein Manager schickte mir ein Exemplar dieser Platte als Whitelabel! Die Freude war unermesslich und ich hörte bestimmt 5 Stunden lang nur diese Platte rauf und runter. (n.b. die Platte wurde später unter dem Decknamen Jurgen Vries und dem Titel The Opera Song veröffentlicht). Dieses Whitelabel ist immer noch eine meiner liebsten und mir wertvollsten Platten.
Trotzdem hat das Auflegen mit Schallplatte auch technische Nachteile. Zunächst einmal haben sie ein großes Gewicht (nach meinem Jahr in London hatte ich einen Haltungsschaden und mein Arzt wunderte sich darüber, dass offensichtlich meine rechte Körperhälfte deutlich mehr belastet worden war als die linke). Dann ist die Anzahl, die man zu einem Gig transportieren kann, limitiert und das Packen der Plattentasche war eine Qual. Und dann das Staubkorn unter dem Tonabnehmer, das ausgerechnet immer im besten Moment plötzlich zuschlägt und die Nadel mit einem lauten Swoosh von der Platte fegt. Oder der Fan, der sich über das DJ-Pult beugt und mit seiner um den Hals baumelnden Trillerpfeife den Tonarm verschiebt oder ans Pult stößt, sodass die Nadel springt. Jaja, das waren noch Zeiten. Und ja, das hat alles Charakter und es macht das Auflegen “menschlich” und real. Das bestreite ich gar nicht.
Die digitale Revolution hat dazu geführt, dass die Musik in die Breite gegangen ist. Einerseits gibt es viel mehr Tracks als früher, da die finanzielle Hürde des Plattenpressens nicht mehr so vorhanden ist und mehr Schrott veröffentlicht wird als früher. Gleichzeitig kann jeder mit einem Laptop Musik zusammenmischen und sich DJ nennen – dank Sync button geht das wirklich viel einfacher als früher. Das ist keine Kunst…
… – oder doch? Ich sage: es kommt darauf an. Der einzige Faktor, der weggefallen ist, ist der handwerkliche Aspekt des ganzen, der Rest ist aber gleich geblieben. Einen guten DJ zeichnet nicht aus, dass er zwei Tracks auf die gleiche Geschwindigkeit bringen kann, sondern ob er ein Gespür für die Musik hat und für die Situation. Erfahrene DJs brauchten nicht mehr als 30 Sekunden für das Beatmatching – das ist im digitalen Zeitalter weggefallen. Das ist aber auch alles! Ansonsten ist es nicht anders. Das Timing muss trotzdem stimmen, die Basslines dürfen nicht kollidieren, das Set muss richtig aufgebaut werden, Flexibilität und Gespür sind immer noch genauso wichtig wie früher. Ein Amateur mit einem Laptop kann das alles nicht – ein Profi mit einem Laptop aber schon. Es ist vergleichbar mit Autos: Automatik oder manuelles Getriebe. Klar hat ein Autofahrer beim manuellen Schalten mehr zu tun, alleine das Spiel mit der Kupplung will gelernt sein. Aber irgendwann sitzt das wie im Schlaf und dann ist es Nebensache. Alle sonstigen Qualitäten eines Autofahrers, wie vorausschauende und umsichtige Fahrweise, kluges Einsetzen der Bremsen, Rücksichtnahme, Sicherheit, Koordination beim Lenken etc etc – das alles ist völlig identisch bei beiden Arten und diese Dinge sind es, die einen guten Autofahrer ausmachen.
Ich sehe das digitale Zeitalter als Chance. Das Umfeld ist schwieriger als je zuvor – aber das ist die Chance, sich abzusetzen. Ich kann so kreativ sein wie nie zuvor. Ich kann in meinen Techno-Beat einen Track von Peter Fox mischen, obwohl er einen völlig anderen Rhythmus hat – dank timestretching und manueller Tonhöhenkorrektur passt er dann nicht nur vom Takt sonder auch von der Harmonie perfekt. Den Refrain loopen und mit Effekten verzerren – geiler geht’s nicht und der Aha-Effekt ist groß. Darum geht es: die neuen Werkzeuge kreativ einsetzen! Denn das ist es, was mich abhebt von den ganzen “Affen mit Laptop”: ich bin musikalisch und kreativ und es ist für mich ein Segen, dass ich mich mit synchronisieren nicht mehr aufhalten muss, sondern meine loops und tracks on the fly und völlig spontan manipulieren und neu zusammenbauen kann. Und das ist erst der Anfang, mehr verrate ich noch nicht
Der Spruch “Du bist kein DJ sondern ein Jugendlicher mit einem Mac” hat sicher einen wahren Kern. Es gibt viele Möchtegern-DJs, die aber langfristig keinen Erfolg haben werden. Auch in der heutigen Zeit (oder gerade in der heutigen Zeit) ist Qualität und Tiefgang wichtig und erforderlich. Echte DJs brauchen also keine Angst zu haben vor ein paar Kids mit Laptop. Im Umkehrschluss: DJs, die sich ernsthaft von diesen Kids und vom Sync-Button bedroht fühlen und ihre Hauptaufgabe im Beatmatching sehen, sollten ihre Qualitätsstandards überdenken. Ein guter DJ braucht sich nicht vor dieser Konkurrenz zu fürchten.
Führt die Tradition des DJs weiter, indem ihr euch darauf besinnt, warum ihr DJ geworden seid. Nehmt das als Basis für die Weiterentwicklung. Denn richtigerweise heißt es:
“Tradition ist nicht die die Bewahrung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers.”
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